eine kleine Schultafel

Diese „kleine“ Initiative war der Beginn meines größten Abenteuers – 
die Geburtsstunde und Geburtsort von Sorya!

Hi-Khan Truong

Gründer & Vorstandsvorsitzender

Meine erste Kambodschareise 2001

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Meine Vorfahren sind Hainan Chinesen, die seit mehr als drei Generationen in der Küstenregion Kambodschas in Kampot, Kep und Kampong Som als Sino-Khmer in Politik und Wirtschaft tätig waren. Nach der Eroberung Phnom Penhs durch die kommunistische Roten Khmer am 17. April 1975 begaben sich meine Eltern zusammen mit meinem drei älteren Geschwister auf eine 3,5-Jahre-lange Flucht vor Krieg, Gewalt und ständiger Angst. Nur wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt lebten sie drei Jahre lang auf der vietnamesischen Insel Phu Quoc, auf dieser ich im Sommer 1977 das Licht der Welt erblickte. Ein Jahr später floh meine Familie als vietnamesische Boatpeople in Richtung Thailand, wo sie mehrere Monate im Flüchtlingslager unter schweren Bedingungen lebten. Eine spontane Entscheidung meines Vaters änderte unser Schicksal in Richtung Deutschland, ein Land dessen damalige Teilung sich viele Flüchtlinge vor fürchten. Im Februar 1979 endete die Flucht meiner Familie im Flüchtlingsheim Niederreidenbacher Hof im Rheinland-Pfälzischen Idar-Oberstein.

Dort wuchs ich kleinbürgerlich auf, ohne jemals mit Kambodscha, der Sprache und der Kultur in Berührung zu kommen. Meine jüngste Schwester Li-Ly kam 1982 in unserer neuen Heimat zur Welt. Geprägt war meine Kindheit und Jugend von Familie, Freunde, Freude, Sicherheit und den alltäglichen Herausforderungen eines normal heranwachsenden jungen Mannes. Mein Gefühl, mein Denken, meine Sprache – meine Identifikation ist Deutsch – nur mein Heimatsort verlagerte sich nach meinem Abitur von Idar-Oberstein in die Hansestadt Hamburg. Hier lebe ich nun seit 1997 mit den alltäglichen Herausforderungen eines normalen, modernen Bürgers!

Ende 2001 begab ich mich zusammen mit meinem Vater auf meine erste Reise nach Kambodscha. Ein Land, dessen Bürgerkrieg nur 4 Jahre zuvor endete, dessen Zustand von Zerstörung, Aufbau und Hoffnung charakterisiert war. Mein erster Eindruck in der Hauptstadt Phnom Penhs war geprägt von Menschenmassen, Chaos auf den Straßen, Staub, Hitze und einer verdammt hohen Lufttemperatur. Für mich fühlte sich dieser Ortswechsel wie ein Sprung in eine vergangene Zeit an, ein Verlassen der bisherigen Komfortzone und ein Eintauchen in mein erstes großes Abenteuer!

Am Tag unserer Ankunft lernte ich meinen Onkel Lip, dessen Familie, meinen Cousin Vanney, der Sohn des verstorbenen jüngsten Bruders meines Vaters, kennen. Für mich waren meine Kambodschanische Familienmitglieder alles Fremde, dessen Verbundenheit sich erst nach kurzer Zeit entwickelte.

Ich reiste zwei Monate durch das Land meiner Vorfahren, mit täglich neuen Erfahrungen, Erlebnissen, Begegnungen, die mich sehr bewegten und nachdenklich machten. Mein großes Interesse galt den Menschen, deren alltäglichen Leben, ihre Sorgen, ihre Hoffnungen – ihre Perspektiven. Im Gespräch stellte ich mir vor, welchen Beitrag ich selbst leisten konnte um einen Teil ihres Wunsches sein zu können. Konkrete Ziele konnte damals noch nicht erfassen. Es fehlte mir jegliche Erfahrung und Voraussetzung, meine Motivation aber stieg von Tag zu Tag.

In den letzten Wochen meiner Reise wurde ich in ein kleines Dorf am Fuße des Phnom Chisco Bergs in der ländlichen Provinz Takeo eingeladen. Ich lebte das Leben eines einfachen Reisbauers, ohne mich wirklich arbeitstechnisch hart tätigen zu müssen. Ich galt ein besonderer Gast zu sein. Ein Khmer dessen Sprache nicht Khmer ist, sondern Englisch, dessen Aussehen total ungewöhnlich ist und eher einen internationalen Sportler aus dem TV entsprach. Mein damaliger Guide übernahm für mich die Kommunikation, daraus lernte ich sehr viel über das Alltagsleben der ländlichen Bevölkerung. Trotz der sehr einfachen Verhältnisse, empfand ich die Kambodschanische Bevölkerung stets glücklich und zuvorkommend.

Sie taten alles um mir ein Gefühl an Geborgenheit zu geben. Ich werde ihre Gastfreundschaftlichkeit damals nie vergessen und es ist mir heute noch eine große Freude, diese zu genießen. Ich fragte mein Guide, was sein persönlich größter Wunsch wäre. Er sagt, er würde am liebsten den Kindern des Dorfes Englisch beibringen, weil sie damit eine Perspektive erhalten einen sehr guten Job zu finden. Ich fragte ihn was er dafür benötigt. „Eine Schultafel“, antwortete er. Kosten – 25$! Minuten später beauftragten wir den örtlichen Schreiner, eine Schultafel aus Holz anzufertigen. Ich wurde gebeten, den ersten Unterricht zu übernehmen. Gleich zur ersten Stunde füllte sich der Vorplatz des Stelzenhauses mit Kindern, die mich wissbegierig mit großen Augen bis tief in die Nacht folgten, um eine neue Sprache zu lernen. Schon mit dem Morgengeschrei des Hahns standen sie am Tor und warteten darauf, dass der Lehrer endlich den Unterricht begann. Ich war erstaunt über die Entwicklung des Unterrichts, die Freude der Kinder und Eltern, die sich in allen Gesichtern wiederspiegelte, deren endlosen Motivation neues zu erfahren. Mein Unterricht entwickelte sich zum großen Happening des Dorfes. Jeden Abend versammelten sich nicht nur die Kinder auf dem Vorplatz des Hauses und lauschten meine fremden Worte zu. Diese „kleine“ Initiative war der Beginn meines größten Abenteuers – die Geburtsstunde und Geburtsort von Sorya!

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